Die sinkenden Einnahmen aus Werbung und Auftragsartikeln im Jahr 2009 hat die Medienhäuser arg getroffen. Und plötzlich war weniger Geld da für die redaktionelle Arbeit – das spürten die Journalst/innen schmerzlich. Just in diesem Moment feierte der “User Journalismus” in Blogs, Facebook und Wikis wieder große Erfolge. In einer kurzfristig anberaumten Analyse, war der/die Leser/in schuld, der/die – vor allem jung – nicht mehr zum Feuilleton greift, sondern sich angeblich lieber ein paar Tweets reinzieht. FAZ Herausgeber Frank Schirrmacher setzt sich mit seinem Buch “Payback” an die Spitze jener, die den Journalismus – ja, das reflektierte Nachdenken ansich – in Gefahr sehen. Bunkerstimmung im deutschsprachigen Journalismus in den vergangenen Monaten war die Folge. Die nur ungenau geführte Diskussion drehte sich den auch um den Schutz des Bestehenden: Die Besinnung auf den Qualitätsjournalismus, die Konzentration auf die Hintergrundberichterstattung, die ordentliche Recherche und die redaktionell-reflektiere Inhalteaufbereitung genauso, wie die Stärkung der eigenen Rolle als Primärinformationsquelle und Protagonisten des Investigationsjournalismus. Soweit die im Kern richtigen, aber insgesamt wenig neuen Auswege aus der Journalismuskrise.
UK und USA: Ein anderer Weg
Im Grunde sah sich auch die englischsprachige Medienwelt mit sehr ähnlichen wirtschaftlichen Zahlen konfrontiert. Doch um den Weg aus dieser Krise zu suchen, nutze man die sich neu etablierende Internettechnologie weniger als Projektionsfläche des Scheiterns, sondern proaktiv zur Neuaufstellung des eigenen Sektors. Gerade führende Medienhäuser wie die NY Times, die LA Times, die BBC und der Guardian erkannten bald das ihr Platz am besten an der Spitze des technologischen Wandels ist. Anstatt sich gegen aufkommenden Online Citizen Journalismus zu stemmen, spielen die genannten Medienhäuser ihre Inhalte maschinenlesbar (in RSS, XML, via API und Datastores) und kostenfrei an Blogs, Mashups und Apps weiter. Dieses neue Paradigma im Umgang mit den eigenen Inhalten in der öffentlichen Nutzung bedeutet in eine veränderte Nutzungs- und Vermarktungsstrategie umzusteigen und diese – in den derzeitigen Pioniertagen – mitzugestalten zu können. Eines dieser Konzepte ist das Freemium: Die großzügig offen und gratis zur Verfügung gestellten Medieninhalte besitzen auch eine Bezahlversion, bei der z.B.: Werbung unterdrückt wird, oder kommerzielle Weiterverwendung gestattet ist, oder weitere Zusatzlinks angeboten werden, oder auch Zugriffszahlen nicht limitiert werden. Die Versuche sind hier mannigfaltig, doch eines ist jetzt schon sicher, der Gewinn an (anderer Stelle wieder finanziell zu realisierender) Reputation ist in jedem Fall gewährleistet. Und in der Internetökonomie bedeutet dies nicht nur Werbekontakte, sondern gesteigerte Glaubwürdigkeit, Vertrauen und persönliche Schätzung. In eben diesen Medienhäusern bildet sich aktuell eine neue Journalist/innengeneration heran:
Datenjournalist/innen!
Wenn also das neue mediale Gold nicht mehr “gedruckter Zeitungsartikel” heißt, was liegt also näher als den Journalismus als Vermittler nicht nur von redaktionellen Inhalten, sondern auch von Dateninhalten zu sehen. Einhergehend mit der Open Data Bewegung, geht es dabei darum Daten direkt zu den/der Bürger/in zu bringen – möglichst nah am Erhebungsbild und ohne filternde Interpretation.

So gibt der Datenjournalist die Rolle des Auswerters an die Leserschaft weiter, versorgt idealerweise noch mit Tools zur Datenaufbereitung und sieht seine Hauptaufgabe vor allem darin möglichst aussagekräftige, exquisite und bis dato im verborgenen lagernde Daten bereitzustellen. Kommentar, Schlussfolgerung und redaktionelle Meinung sind zwar immer noch Bestandteil des Datenjournalismus, treten aber zumeist als Bonusangebot in den Hintergrund.
Bleibt zu fragen, ob die Leser/innenschaft derart rohe Daten akzeptiert, und vor allem ob sie dazu im Stande ist, sie zu rezipieren. Ein Rückblick in die 1920er-Jahre mag hier aufschlussreich sein. Die damals sich neu etablierte Empirische Sozialwissenschaft brachte erstmals vergleichbare Datenbestände in großem Ausmaß hervor. Und auch damals fragte man nach der Lesbarkeit der eigenen Ergebnisse, in der medial vermittelten Kommunikation. Die Antwort lieferten 1924 Otto Neurath und Gerd Arnts mit der Begründung der „Wiener Methode der Bildstatistik” – den Isotype. Komplexe Statistiken wurden durch jedermann lesbar.
Ganz ähnlich wird auch der Datenjournalismus moderne, leistungsfähige Softwareangebote (Mashups, Filterfunktionen, Abfragen und Mappings) mit den Daten mitliefern müssen um den/die Nutzer/innen zu erreichen. Eine Aufgabe, die nicht mehr der einzelne Journalist am eigenen Schreibtisch erledigt, sondern durch ein Team von klassischen Journalist/innen, Infografiker/innen, Softwarespezialist/innen und Interfaceexpert/innen übernommen wird. Top Secret America der Washington Post oder die Aufbereitung der Afghanistan WarLogs beim Guardian sind eindrucksvolle Beispiele der Arbeit solcher Teams.
Dieser Datenjournalismus konstituiert sich derzeit nicht nur in den Redaktionen der erwähnten Medien, sondern findet sich zum Austausch von Erfahrungen und Startegien weltweit zu Meetups zusammen. Besonders die unlängst in Berlin und Amsterdam stattgefundenen Treffen, haben den gesamten Sektor in Europa wesentliches Impulse geliefert.
Und in Österreich?
Während von den Österreichischen Medienhäusern in Richtung Datenjournalismus (noch) kaum etwas zu vernehmen ist, experimentiert die IT-Abteilung der Österreichische Presseagentur in den APA-Labs bereits vielversprechend. Auch beim MedienCamp Wien und den jüngst beendeten Österreichsichen Medientagen war Datenjournalismus immerhin ein Randthema. So freut es uns sehr hier schon eine Ankündigung machen zu können. Anfang Dezember 2010 veranstaltet wir einen Arena Talk mit österreichischen und internationalen Expert/innen zum Thema Datenjournalismus.
Angewandter Datenjournalismus:
weitere Quellen: